Ermittlungen
©opyright Iris Hoth, 1998

Dieser Text – ebenso wie die "Drei Konstanten" – entstand als einer von vielen, die 1998 in der Newsgroup de.etc.schreiben.prosa (damals noch de.alt.geschichten) die Originalstory "Cherchez la femme" von Hans Kapeller variierten. Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich den Originaltext hier leider nicht anbieten, er (oder eine spätere Version davon) ist jedoch derzeit (11/01) noch zu finden unter: Kap's "Cherchez la femme"

Den Beamten fiel es schwer, keine Regung zu zeigen.. Insbesondere die Frauen standen mit betont ausdrucksloser Miene herum.
"Die Festgenommenen schweigen sich aus" erklärte der Kommissar. "Aber es gibt eine Zeugin. Wir müssen sie nur noch finden."
Der Film zeigte das blasse Gesicht eines jungen, sehr jungen Mannes, der etwas verkrampft hinter dem Lenkrad klemmte.
"Tu das Ding weg! Wo haste das überhaupt her?"
"Mitgehn lassen" lachte es vom Band. "Weißte nicht mehr? Warst doch dabei, als ich es gefunden hab. Der Bruch im Poseidon."
Während des letzten Satzes schwenkte die Kamera zur Rückbank, ein blanker Männerhintern wippte ins Bild, über den oberen Bildrand hinaus, ein Penis wurde rhythmisch sichtbar, bevor die Leiste jeweils gegen die gespreizten Schenkel klatschte.
"Mal'n bißchen langsamer, Franko! Du verwackelst ja die ganze Aufnahme" das Lachen des Kameraführers.
Ein bißchen verdreht sah die ganze Szene aus, der Busen der Frau kam ins Bild, Nippel wie Cornichons, an einem von ihnen knetete Frankos Hand, dann ihr Gesicht. Die beiden auf der Rückbank interessierte die Kamera überhaupt nicht, sie waren mit sich selbst beschäftigt. Sie hatte die Augen geschlossen, gierte mit langer Zunge nach Frankos Haut.
"Laß noch mal ziehen" kam's vom Lenkrad. "Ey Mann, nun gib schon her, du rauchst doch eh nicht!"
Das blasse Gesicht des Fahrers, Schwenk auf seine Beine, zwischen denen sich die Hose beulte. Zu spät reagierte die Kamera auf den lautstarken Höhepunkt, nur noch ein Gewirr von Haut und Haaren.
"Is das ne heiße Braut!"
"Jaaaa" schnalzte es "und jetzt sogar beweisgesichert." Kichern "Das kann sie später mal ihren Enkeln vorführn."
Frankos Gesicht drehte sich in die Kamera, breit grinsend "Gib mal die Tüte her!"
Die Kamera wurde ruhiger, Charly hatte angehalten. "So, Rita, das ist Endstation. Und raus mit dir."
"Ich hab doch gar keine Jacke dabei!" maulte die.
"Hättst de früher dran denken müssen. Ab hier geht's ohne dich... Na los, nu mach schon!"
"Wir sammeln dich nachher schon wieder ein" grinste Franko. "Wirst schon nicht geklaut."
Noch eine Aufnahme von Rita am Straßenrand, allein und frierend, ihr Gesicht entglitt langsam dem Seitenfenster.
"Jetzt isses gut, Hank. Leg das Ding weg."
"Is der Tip auch sicher?"
"Todsicher...."
Ein nach oben stürzendes Armaturenbrett, Stoff, Dunkel, dann nur noch Streifen und Schnee.
"Ende der Vorstellung."
Stille im Raum, dann Räuspern, schließlich Lachen. So eine Vorführung bekamen sie nicht alle Tage.
"Diese Rita brauchen wir. Wird ja wohl nicht so schwer sein, sie zu finden."
"Eine Frage."
"Ja?"
"Dürfen wir die Zeugin auffordern, uns ihre Nippel zu zeigen?"
Nur die Männer lachten.

Das Problem erwies sich als ein ganz anderes. Nach ein paar Tagen Ermittlungsarbeit und Kontrollen hatten sie die Daten von vier Frauen. Alle hießen sie Rita, waren zwischen siebzehn und einundzwanzig Jahren alt, sahen der Rita aus dem Video äusserst ähnlich, hatten kein Alibi und gaben an, am Hergang beteiligt gewesen zu sein. "Das gibt's doch gar nicht" war die Meinung des Kommissars. "Mit so was kann man doch nicht angeben."

Rita Numero Eins. Siebzehn Jahre alt, wohnte noch bei den Eltern, zerstrittenes Eheleben, um das herum auf dem Boden in der zu kleinen Wohnung noch zwei kleine Geschwister Rita's krabbelten. Zwischen Bierflaschen und Kochtöpfen. Schule und die erste Lehre abgebrochen, aber "Das Leben macht Spass" sagte sie. "Und wenn ich erst mal da raus bin, zeig ich's denen."

Nummer Zwei, wenig älter, würde im nächsten Jahr ihr Abitur machen. Dann auf die Uni, Pharmazie wollte sie studieren - "Das interessiert mich halt" - und erfolgreich sein.
"Und was wollen Sie mit solchen Typen?"
"Die interessiern mich halt auch" lachte sie. "Schaun Sie sich nur mal den Franko an, süß ist der. Und langweilig ist es mit ihm nie."

Rita die Dritte. Eindeutig depressive Tendenzen, suizidgefährdet, arbeitete in einem Buchladen, abends war sie immer unterwegs. "Der Franko ist einfach nett. Zu mir jedenfalls isser nett. Was er sonst noch macht, is mir egal."
"Aber Sie wissen doch, was er sonst noch macht?"
"Ja, sicher. Na und - is was dabei?"
Auf die besagte Nacht angesprochen: "Besonders Spaß gemacht hat es nicht. Aber wenigstens ist Franko immer nett zu mir."

Nummer Vier schließlich. "Ach wissen Sie", wobei sie die Beine lässig übereinander schlug "nicht daß ich mich an so was beteiligen würde, an einem Bruch meine ich, aber auf die ganze Moral is doch geschissen. Schließlich muss man zusehn, wo man seinen Spaß herkriegt. Mit den Freiern macht's meistens keinen Spaß. Die können doch nur nullachtfuffzehn, und wenn sie was anderes wollen, ham sie schon vom nur dran denken nen Abgang."
"Und Franko?"
"Franko ist jung und schnuckelich und" - lacht - "ausdauernd."

Ausdauernde Verhöre ergaben indes in keinem Fall, daß eine der Frauen log. Aber sie müssen lügen, grübelte der Kommissar, drei von ihnen müssen lügen. Schließlich veranlasste er eine Gegenüberstellung. Eine Reihe von sechs jungen Männern trat an, Franko darunter als Nummer Zwei. Alle vier Frauen erkannten Franko, und auch Franko, nachdem man auf die Wand verzichtete, erkannte jede von ihnen.
"Welche von den vieren ist es denn nun?"
Franko tat daraufhin völlig erstaunt. "Wieso vier? Das war doch jedesmal Rita."

Gegenüberstellungen mit Charly und Hanky brachten das gleiche Ergebnis.

Die letzte Idee des Kommissars war dann tatsächlich die Leibesvisitation. Eine Ärztin untersuchte alle vier Frauen, nahm sie gründlichst in Augenschein. Ein wenig wunderte sie sich über den Auftrag und worauf sie besonders zu achten hätte, erstattete aber ordentlich Bericht. "Sie hatten Recht" erklärte sie. "Jede der Frauen hat grosse Brüste und nach entsprechender Manipulation Brustwarzen" - nach einem passenden Wort suchend - "Brustwarzen wie Cornichons."


 
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